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Mädchenarbeit und Schule

Gelungene, institutionalisierte Kooperationen zwischen Mädchenarbeit und Schule sind ein guter Weg, die Geschlechterperspektive deutlicher in die Schule zu bringen. Geschlechterstereotype wirken - in sichtbaren und versteckten Formen. Pädagoginnen und Pädagogen sind nicht selten ratlos, wenn Mädchen so deutlich Mädchen sind, z.B. in ihrer Berufsorientierung und Lebensplanung, aber auch bei Themen rund um Sexualität, Schönheit und Körper.
Mädchen sind in ihren Leistungen in der Schule vielfach gut, auch besser als Jungen, und erreichen gute Abschlüsse. Dennoch sind viele Mädchen und junge Frauen in ihrem weiteren Lebens- und Berufsweg benachteiligt. Dies hat viele Gründe. Mädchen und junge Frauen verhalten sich in der Schule eher angepasst und werden für dieses Verhalten belohnt. Verlassen sie die Schule, können diese subtilen Mechanismen sie in eine Sackgasse führen. Schule kann ihre Möglichkeiten nutzen und gegensteuern. Mädchenarbeit kann dazu einen guten Beitrag leisten.
Mädchenarbeit ihrerseits kann sich in der Schule weiterentwickeln. Über die schulische Kooperation besteht für die Fachkräfte der Mädchenarbeit die Chance, unterschiedliche Mädchen zu erreichen. Routinen und "Ideologien" der eigenen Arbeit können in Frage gestellt, die Arbeit kann fachlich weiterentwickelt werden.
Auch Mädchen, die eher keinen Zugang haben, lernen außerschulische Mädchenarbeit kennen. So finden sie leichter in die Einrichtungen – sei es im Freizeitbereich oder wenn sie Hilfe und Unterstützung bei persönlichen Problemen brauchen.

Ein Plus für eine "Schule für alle"
Mit Unterschieden umgehen
So kann es gehen
Im Unterricht – im Ganztag – in der Pause
Besondere Aktionen zum Kennenlernen
Fortbildung von Eltern, Fach- und Lehrkräften
Die jeweils eigene Rolle besetzen
Kollegien, Eltern, Mädchen einbeziehen
Aufgaben und Verantwortlichkeiten klären
Räume schaffen
Finanzen
Kooperation mit Jungenprojekten
Konzept Mädchenarbeit und Schule (pdf, 137.9 KB)

Mehr zum Thema finden Sie auf der Unterseite Arbeitskreis Mädchenpolitik

Ein Plus für eine "Schule für alle"

Eine "Schule für alle" öffnet sich für außerschulische Kooperationen und schafft so eine förderliche Lebens- und Lernwelt. Die Kooperation mit Anbieterinnen von Mädchenarbeit bietet eine Möglichkeit, einer solchen Schule besser gerecht werden zu können. Dazu gehören mehr Beteiligung von Mädchen, der Erwerb von Lebenskompetenzen, die Öffnung in den Stadtteil, aber auch die Übernahme von Verantwortung für Kinder und Jugendliche mit persönlichen oder sozialen Schwierigkeiten.
Die Erziehung zur Gleichstellung der Geschlechter und zur Chancengleichheit ist wichtiger Teil des Lehrplans von Schule. Mitarbeiterinnen aus der Mädchenarbeit können dazu beitragen, den Blick zu schärfen und Lehrkräfte fachlich unterstützen. Gerade wo der Fokus aus aktuellen Anforderungen heraus stärker auf die Jungen gelegt wird, ist es unerlässlich, Mädchen nicht aus dem Blick zu verlieren.

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Mit Unterschieden umgehen

In der Kooperation von Schule und Mädchenarbeit treffen Institutionen aus zwei Welten aufeinander. Die Rollen, Verantwortlichkeiten und die Beziehung zu den Mädchen sind ebenso wie Sprache und Umgangsformen sehr unterschiedlich. Die Erwartungen, Ansprüche, Methoden und die Art die Arbeit zu gestalten sind anders. Mädchenarbeit bietet für Mädchen einen eigenen Raum – Schule ist konzeptionell koedukativ.
Schulbesuch ist verpflichtend, Verhaltensregeln, feste Zeiten, Verfahrensabläufe sichern einen reibungsfreien Schulbetrieb. Außerschulische Mädchenarbeit lebt wie Jugendarbeit insgesamt von der Freiwilligkeit. Sie kann mit einem offenen Rahmen und mit flexiblen Strukturen arbeiten. Schule wandelt sich aber zugleich hin zu mehr Individualisierung und Angeboten von interdisziplinären Projekten. In vielen Schulen gibt es bereits Erfahrungen mit Projektarbeit oder anderen Formen der punktuellen Zusammenarbeit. Unterschiede, die hier erlebt werden, werden angenommen und Lehr- und Fachkräfte können sich gut aufeinander einstellen.
Schwieriger kann es werden, wenn Mädchenarbeit mehr in den Schulalltag eingebunden werden soll und Lehr- und Fachkräfte stärker zusammen arbeiten. Dann können Unterschiede zu offenen oder unterschwelligen Konflikten führen. Damit bewusst und konstruktiv umzugehen braucht Zeit.

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So kann es gehen

Es gibt in Bremen eine Vielfalt an Angeboten für Mädchen, die sich für eine Kooperation mit Schulen interessieren. Manche Einrichtungen sprechen Mädchen im Stadtteil an, andere haben so spezielle Angebote, dass sie Mädchen bremenweit einladen. Für alle Schulformen gilt: Anbieterinnen von Mädchenarbeit und Schulen haben bereits viel ausprobiert und Erfahrungen gesammelt. Steht für die eine Schule ein erster Versuch mit einem Mädchenangebot an, geht es für andere darum, diese Angebote zu verstetigen. In Klassen oder jahrgangsübergreifend, als Teil des Unterrichts oder als freiwillige AG am Nachmittag, in der Schule oder in außerschulischen Räumen – Mädchenarbeit ist offen für vielfältige Formen und konkrete Ausgestaltung von Kooperationen. Die Steckbriefe der Einrichtungen geben einen Überblick.

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Im Unterricht – im Ganztag – in der Pause

Mädchenarbeit als Teil des schulischen Unterrichts ist eine gute Möglichkeit des Kennenlernens. Gute Erfahrungen gibt es in der Übernahme von Sequenzen im Unterricht oder von einzelnen Stunden wie z.B. in der Arbeits- und Berufsorientierung oder Bewegung für Mädchen im Sportunterricht. Dies gilt auch für die Beteiligung an Einzelprojekten im Rahmen von verbindlichen Schulangeboten oder mit Angeboten im Rahmen von Projekttagen. Mädchenarbeit kann sich an Schulfesten, Klassenfeiern oder Klassenfahrten beteiligen, wenn die Bedingungen dafür geklärt sind. Mit den Mädchen muss in jedem Fall vorher geklärt werden, wozu sie sich freiwillig entscheiden und welche Verbindlichkeiten sie damit eingehen.
Im Ganztag bieten sich AG-Angebote an, wie sie auch von anderen Trägern der Jugendarbeit in Schulen umgesetzt werden. Für viele Schulen stehen Verträge mit außerschulischen Anbietern an. Bei der Vergabe sollten Schulen Angebote auch daraufhin prüfen, ob sie den Erfordernissen einer geschlechtergerechten Arbeit genügen und angemessene Ansätze für Mädchen und Jungen vorhalten. Wichtig ist es, dass Schulen in der Umsetzung durch gute Rahmenbedingungen unterstützt werden.

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Besondere Aktionen zum Kennenlernen

Denkbar sind Gemeinschaftsveranstaltungen wie Sommerfest oder Stadtteilrallyes, auch Angebote in der Pause wie z.B. Bewegungsangebote für Mädchen. Einen guten Einstieg bieten einmalige Infoveranstaltungen über Mädchenarbeit für Mädchengruppen (Klassen) oder zu bestimmten Themen im Umfang von ca. 2 Schulstunden.
Anbieterinnen von Mädchenarbeit denken gerne über mögliche Schnupperangebote in der Schule nach, wenn insgesamt eine Offenheit für eine Zusammenarbeit besteht, beispielsweise eine Zukunftswerkstatt zu Themen wie Freizeitgestaltung, Schulhofgestaltung, Räumlichkeiten in der Schule gestalten, Klassenfahrten

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Fortbildung von Eltern, Fach- und Lehrkräften

Fachfrauen aus den unterschiedlichen Einrichtungen bieten ihr Fachwissen z.B. zu Themen wie sexueller Missbrauch oder Gewalterfahrungen von Mädchen an. Einrichtungen wie Schattenriss sind seit vielen Jahren in dieser Arbeit etabliert. Schulen kennen diese Art der Zusammenarbeit gut. Aber es gibt auch weitere Themen auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Schule, bei denen Lehrkräfte aber auch sozialpädagogische Fachkräfte von den Erfahrungen der Mädchenarbeiterinnen profitieren können. Diese kennenzulernen ist möglich über eine schulinterne Fortbildung oder als pädagogischer Beitrag auf einer Konferenz. Solche Angebote und Kooperationen sollen auch über das LIS erfolgen und als Fortbildung anerkannt werden.
Die Zusammenarbeit mit Eltern ist eine gute Möglichkeit, auch über die Schule hinaus wirksam zu sein – hier kann Mädchenarbeit interessante Aspekte beitragen und vielleicht Elternveranstaltungen interessanter gestalten helfen. Und sie kann dazu beitragen, dass Lehrkräfte die Lebenswirklichkeit der Mädchen und ihrer Familien besser kennenlernen.
Schritt für Schritt
Kooperation bedeutet, ein Vorhaben gemeinsam inhaltlich zu planen und zu verantworten. Enttäuschungen oder Konflikte entstehen meist aus unklaren Erwartungen und Ansprüchen. Bevor es also konkret wird, ist es wichtig, sich gemeinsam (Vertreterin Mädchenarbeit/ Schulleitung/ Verantwortliche Person in der Schule) Zeit zu nehmen und darüber zu verständigen, was die jeweilige Motivation für eine Kooperation ist, was beide Parteien jeweils damit erreichen wollen, wer welchen Part mit welcher Verantwortung übernimmt.
Es ist zu entscheiden, welche Gremien oder Gruppen einbezogen oder informiert werden und ob es noch mögliche Unterstützer/innen gibt. Zeit, die in diese gemeinsame Arbeit investiert wird, zahlt sich aus, besonders wenn es gelingt, die Arbeit weiterzuentwickeln und Angebote zu verstetigen.

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Die jeweils eigene Rolle besetzen

Mitarbeiterinnen aus der Mädchenarbeit und Lehr- und Fachkräfte haben in der Schule zwar unterschiedliche aber gleichwertige Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Rollen. Die Rollen schärfen sich gerade in der Kooperation und sollen für Fach- und Lehrkräfte wie auch für die Mädchen transparent sein. Kommt es zu Verwischungen oder Irritationen, muss die Zeit sein, sich darüber neu zu verständigen.
Für die Mädchenarbeit ist es wichtig, dass Schweigepflicht, Parteilichkeit, und Freiwilligkeit auch in der Arbeit der Schule konsistent bleibt. Parteiliche Mädchenarbeit ist in erster Linie den Mädchen verpflichtet und gibt keine Informationen ohne Zustimmung der Mädchen weiter. Wird ein Angebot zum verpflichtenden Teil des Schulangebotes, müssen sich alle Beteiligten über mögliche Schnittstellen und Verschiebungen, über die gegenseitigen Wünsche und Erwartungen verständigen. Die Art der Zusammenarbeit sollte transparent und verständlich kommuniziert werden – gerade auch gegenüber den Mädchen.

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Kollegien, Eltern, Mädchen einbeziehen

Für eine langfristige und verbindliche Zusammenarbeit sollte das Thema Mädchenarbeit in den Gremien der Schule wie Schulkonferenz, Elternbeiräte, Schüler/innenmitverwaltung, Förderverein, Gesamtlehrer/innenkonferenz kommuniziert und in das Schulprogramm aufgenommen werden.
Jahrgangsteams, Klassen- und Schulsprecher/innen, interessierte Schülerinnen sollten in die Planung und Umsetzung von Angeboten einbezogen werden. Auch Eltern können und sollten einbezogen werden, sei es über die Elternvertretung oder über die Mitgestaltung von Elternabenden.

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Aufgaben und Verantwortlichkeiten klären

Konkrete Ansprechpersonen und Verlässlichkeit sind die Grundvoraussetzung einer guten Kooperation. Ideen gibt es viele – aber nur, wenn die Frage "Wer macht was bis wann?" geklärt ist, kann eine Kooperation gut und vor allem auch freudvoll funktionieren. Kooperation braucht:

  • verbindliche Ansprechpersonen, die erreichbar sind, die regelmäßige Termine und Absprachen treffen
  • Projektsteuerung und Koordination
  • Regelung der Finanzierung/ Finanzplan
  • einen Zeitplan
  • Regelungen der Aufsichtpflicht, der Versicherung, Vertretung im Krankheitsfall
  • Regelungen bei Problemfällen
  • Klärung wer hat welche Schlüssel, wer kauft ein, verwaltet Geld
  • Zeit für eine Auswertung nach Abschluss für die weitere Arbeit

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Räume schaffen

Die Angebote müssen für die Mädchen gut und ohne Barrieren – aller Art – erreichbar sein. Geeignet sind angenehm gestaltete große Räume ohne Schultische, es muss kein ausgewiesener Mädchenraum sein. Außerschulische Räume werden als wichtige Ergänzung der Schule angesehen. Schule kann die Räumlichkeiten von Mädchenarbeit in diesem Sinn nutzen. Außerschulische Mädchenräume bieten andere Möglichkeiten des Kontaktes unter den Mädchen, Überschneidungszeiten (Schulzeit/Öffnungszeiten der Einrichtungen) sind weniger relevant, die Räume sind für die Arbeit entsprechend ausgestattet und sprechen Mädchen an, es gibt Materialien und Rahmenbedingungen, die Schule so vielleicht nicht hat.

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Finanzen

Die Arbeit in den Schulen ist ein zusätzliches Angebot von Einrichtungen der Mädchenarbeit. Sie muss daher von den Schulen entsprechend finanziert werden. Anders ist es, wenn die Arbeit in Kooperation mit der Schule wie bei Schattenriss e.V. zu einem der Kerngeschäfte gehört und über öffentliche Zuwendungen bereits gefördert wird. Diese Angebote sind für Bremer Schulen kostenlos.
Über das konkrete Angebot für die Mädchen hinaus fällt die Finanzierung der Koordination und Projektsteuerung an. Denkbar sind z.B. Freistellungen von sozialpädagogischen Mitarbeiterinnen der Schule, Deputatstunden einer Lehrkraft oder Honorarmittel für Kolleginnen aus der Mädchenarbeit.

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Kooperation mit Jungenprojekten

Die Einrichtungen der Mädchenarbeit in Bremen sind an einer Zusammenarbeit mit Anbietern von Jungenarbeit interessiert. Einige Einrichtungen arbeiten seit vielen Jahren mit dem Bremer Jungenbüro aber auch anderen Kollegen zusammen. Es besteht eine gut eingeführte Kooperation, die auch bei ganz konkreten Kooperationsvorhaben in den Schulen nutzbar ist. Auch auf Erfahrungen mit dem Kinderschutzzentrum kann zurückgegriffen werden.
Darüber hinaus haben unterschiedliche Jugendeinrichtungen ein Jungenangebot, so dass eine Kooperation leicht organisierbar ist. Es ist davon auszugehen, dass in Anbetracht der anstehenden Diskussion über den Entwurf von "Leitlinien für die Jungenarbeit in Bremen" sich das Angebot von Jungenarbeit erweitern wird. Damit gibt es für die Weiterentwicklung der Arbeit mit Jungen in der Schule gut Voraussetzungen.