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Für Frauen mit und ohne Erwerbsarbeit

Analyse

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Die gleiche wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen und Männern ist ein Ziel, das die EU-Gleichstellungsstrategie 2010-2015 erneut formuliert. Wirtschaftliche Unabhängigkeit heißt, ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen, das auch eine ausreichende Altersvorsorge ermöglicht. Um diesem Ziel im Land Bremen ein Stück näher zu kommen, sind vielfältige arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitische Maßnahmen zu ergreifen.
Frauen haben es in Bremen am Arbeitsmarkt im Vergleich zu anderen Bundesländern schwerer. Nur 64 Prozent der Bremer Frauen zwischen 15 und 65 Jahren sind erwerbstätig, bei den Frauen mit Migrationshintergrund sind es lediglich 48,7 Prozent. Der Anteil von Frauen an der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung liegt bei knapp 44 Prozent. Von den insgesamt 134.600 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen arbeitet jedoch fast die Hälfte in Teilzeit. Zudem arbeiten mehr als 42.000 Frauen im Minijob.

Fast ein Drittel der Familien in Bremen sind Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren, überwiegend Frauen, von denen nur 65,3 Prozent erwerbstätig sind. Die Teilzeitquote der Alleinerziehenden ist mit 57,5 Prozent überdurchschnittlich. Im Durchschnitt erhalten Frauen in Bremen laut Statistischem Landesamt 25 Prozent weniger Stundenlohn als ihre männlichen Kollegen.
Als Folge der geringen Erwerbsbeteiligung sind Frauen nicht nur in der mittleren Lebensphase zunehmend von Armut bedroht. Weil dadurch auch vergleichsweise geringe Rentenbeiträge gezahlt werden, erzielen Frauen im Alter 60 Prozent weniger Rente als Männer. Von der zweiten Säule der Alterssicherung, der betrieblichen Rente, profitieren Frauen kaum, da sie häufiger in Klein- und Kleinstunternehmen tätig sind und außerdem für eine betriebliche Rente in der Regel längere, durchgehende Erwerbsphasen notwendig sind, um eine Anwartschaft zu erreichen. Bereits 66 von 1000 Frauen über 65 Jahren sind in Bremen auf Grundsicherung im Alter angewiesen, mit steigender Tendenz. Das ist der zweithöchste Wert aller Bundesländer.

In gutbezahlten Führungspositionen sind Bremens Frauen nach wie vor wenig präsent. Dies ergibt die aktuelle Arbeitgeberbefragung, das IAB-Betriebspanel 2012. Männer besetzen 79 Prozent, Frauen 21 Prozent aller Führungspositionen auf der ersten Leitungsebene. Seit 2008 ist hier keine Veränderung feststellbar. Auf der zweiten Führungsebene beträgt der Frauenanteil 36 Prozent (2012), dies ist ein Anstieg um vier Prozentpunkte in vier Jahren.
Bremen ist ein wichtiger Industriestandort. Die Wirtschaftsstruktur ist geprägt durch einen hohen Anteil an produzierendem Gewerbe mit traditionell geringer Frauenbeschäftigung. Im Strukturkonzept Bremen 2020 nimmt sich das Bundesland vor, Bremen als Zentrum und Innovationsstandort der Offshore-Windenergiewirtschaft, der Luft- und Raumfahrt und der maritimen Wirtschaft und Logistik weiter zu profilieren und seine Kompetenzfelder mit Zukunftspotenzial weiter zu stärken (Automobilindustrie, Umweltwirtschaft, Gesundheitssektor mit LifeSciences, Nahrungs- und Genussmittelsektor, Kreativwirtschaft, Maschinenbau mit Robotik). Bislang sind in den genannten Branchen vorwiegend Männer beschäftigt.
 
Damit Frauen in der Arbeitswelt in Bremen aufholen können, wird es in der nächsten Legislaturperiode darauf ankommen, die Arbeitsmarktpolitik so weiterzuentwickeln, dass Frauen ihr Erwerbspotenzial in Richtung einer existenzsichernden Beschäftigung ausbauen können. Gleichzeitig muss Wirtschaftspolitik neue Akzente setzen, um in den Betrieben der unterschiedlichen Branchen gute Einstiegs- und Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen zu schaffen.

Studien zum Thema

Zahlen zur Erwerbstätigenquote (2005-2013) der Bundesländer (Amtliche Sozialberichterstattung)
http://www.amtliche-sozialberichterstattung.de/D5erwerbstaetigenquote.html

Analyse des Arbeitsmarktes für Frauen und Männer im Land Bremen 2013
http://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Statistische-Analysen/Analytikreports/Regionale-Analytikreports/Bremen/Generische-Publikationen/Analyse-Arbeitsmarkt-Frauen-Maenner/2013-Analyse-Arbeitsmarkt-Frauen-Maenner.pdf

Frauen im Land Bremen 2015: Faltblatt des Statistischen Landesamts Bremen als PDF zum Download
http://www.statistik.bremen.de/sixcms/media.php/13/FrauenImLandBremen2015_A4.pdf

Zwischenbericht zum Entwicklungsplan Partizipation und Integration: Integration im Handlungsfeld Beschäftigung (Mitteilung des Senats vom 18. Februar 2014)
https://www.bremische-buergerschaft.de/drs_abo/2014-02-19_Drs-18-1263_0950c.pdf

OECD-Bildungsbericht 2015
http://www.oecd.org/berlin/publikationen/the-abc-of-gender-equality-in-education.htm

Lösungsansätze

Übergang in Ausbildungsberufe mit Perspektive fördern

Mit den Bremer Vereinbarungen zur Ausbildung und Fachkräftesicherung sowie der Jugendberufsagentur bringt der Bremer Senat viele Akteurinnen und Akteure zusammen, um mehr Jugendliche in Ausbildung zu bringen. Berufsorientierung muss so konzipiert werden, dass das geschlechtsspezifische Berufswahlverhalten hinterfragt wird und die Bandbreite der Ausbildungsberufe erfahrbar ist. Im Sinne einer existenzsichernden Erwerbsbeteiligung sollten junge Frauen besonders darin unterstützt werden, einen Ausbildungsberuf zu ergreifen, der einen vollwertigen Abschluss und viele Perspektiven bietet. Besonders im dualen System sind Frauen bisher unterrepräsentiert. Zweijährige Ausbildungen in „typischen“ Frauenberufen, die außerhalb der Landesgrenzen nicht anerkannt sind und häufig in prekäre Beschäftigungsverhältnisse münden, sind aus frauenpolitischer Sicht kritisch zu sehen. Die Maßnahmen, um mehr Frauen für MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu gewinnen, sollten auch im Hinblick auf zukünftige Fachkräftebedarfe gebündelt und verstärkt werden.

Entgeltunterschiede zwischen Frauen und Männern abbauen

Um den in Bremen besonders hohen Entgeltunterschied in Höhe von derzeit 25 Prozent abzubauen, sind Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen notwendig. Auf Bundesebene gilt es weiterhin, Initiativen für ein Entgeltgleichheitsgesetz zu unterstützen sowie eine Reform der geringfügigen Beschäftigung anzustoßen. Der Senat sollte das Modellprojekt mit dem Instrument eg-check, das die Entgeltstruktur in Betrieben daraufhin untersucht, ob gleichwertige Tätigkeiten gleich bezahlt werden, auf weitere Eigenbetriebe und Gesellschaften mit bremischer Beteiligung ausweiten. Ein Teil der Entgeltlücke kommt daher, dass „frauentypische“ Berufe mit gleichem Qualifikationsniveau schlechter bezahlt werden als „typische“ Männerberufe. Der Senat sollte wie beim betrieblichen Bündnis Windenergie auch mit frauendominierten Branchen wie dem Einzelhandel oder dem Hotel- und Gaststättengewerbe einen Dialog eröffnen, um Initiativen für gute und existenzsichernde Beschäftigung anzuregen und sichtbar zu machen. Eines der Ziele sollte die Umwandlung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sein. Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialwesen sind „frauentypische“ Branchen, in denen der Bremer Senat selbst als Arbeitgeber aktiv ist. Dort ist er gefordert, eine angemessene Bezahlung, genügend Personalressourcen sowie ein Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit im Sinne guter Arbeit sicherzustellen.

Frauen bei Existenzgründung und Unternehmensnachfolge unterstützen

Frauen machen sich nicht so häufig beruflich selbstständig wie Männer. Auf Frauen zugeschnittene Beratungsangebote zur Existenzgründung im Rahmen der zentralen arbeitsmarktorientierten Frauenberatung bleiben weiter erforderlich. Sie tragen erfolgreich dazu bei, dass Frauen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. Die wirkungsvolle Unterstützung durch Coaching und Mentoring zur Existenzfestigung muss fortgesetzt, der Zugang zu den Programmen der Wirtschaftsförderung verbessert werden, die Repräsentanz von Frauen überprüft werden.
In den kommenden Jahren wird in vielen mittelständischen Unternehmen die Firmenleitung an die nächste Generation übergehen. Dieser Generationenwechsel geht bisher zu sehr an potenziellen Unternehmerinnen vorbei. Wir erwarten, dass die Unternehmensnachfolge durch Frauen verstärkt zum Thema gemacht und durch spezifische Förderinstrumente gestützt wird.

Chancengleichheit in der Arbeitsmarktpolitik – existenzsichernde Beschäftigung von Frauen fördern

Die Erwerbsbeteiligung von Frauen ist in Bremen deutlich geringer als im Bundesdurchschnitt. Erklärtes Ziel des Zusammenspiels von Wirtschafts-, Wissenschafts- und Arbeitsmarktpolitik ist es, nachhaltig sozialversicherungspflichtige, existenzsichernde Beschäftigung zu sichern und zu schaffen. Dabei dürfen Frauen nicht in prekäre Beschäftigungsverhältnisse abgedrängt werden, sondern benötigen gezielt Zugänge zu hochwertigen Arbeitsplätzen.
Das aktuelle beschäftigungspolitische Aktionsprogramm hat die Perspektive von Frauen, MigrantInnen und Alleinerziehenden in den Fokus gerückt. In der Umsetzung kommt es jetzt darauf an, die frauenspezifischen Beratungs-, Beschäftigungs- und Qualifizierungsangebote für Frauen zu erhalten und weiterzuentwickeln. Es gilt, sie zu befähigen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Bremen trotz schwieriger Rahmenbedingungen zu ergreifen. Im Fokus stehen hier in besonderem Maße die zielgruppenspezifischen Angebote für Berufsrückkehrerinnen und Alleinerziehende, um wieder am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Neue Chancen für Frauen in Zukunftsbranchen erschließen

Das Beschäftigungswachstum in den zukunftsträchtigen Wirtschaftssektoren des Landes Bremen – wie Umwelt- und Energiewirtschaft, maritime Wirtschaft, Logistik und Luft- und Raumfahrt – droht an einer gut qualifizierten Frauengeneration vorbeizugehen, während Unternehmen gleichzeitig einen hohen Fachkräftebedarf anmelden. Diese Zukunftsfelder müssen für Frauen auf allen Qualifikationsniveaus besser erschlossen werden. Das umfasst den Zugang zu Studiengängen und Erstausbildung, die gezielte Weiter- oder Nachqualifizierung von Frauen für Zukunftsbranchen ebenso wie die Erweiterung der Bandbreite für öffentlich geförderte Beschäftigung für gering qualifizierte Frauen.
Nachhaltige Erfolge werden sich nur dann einstellen, wenn flankierend vom Fachkräftemangel bedrohte Branchen und Unternehmen dabei unterstützt werden, Berufsbilder zu modernisieren und Strukturen und Unternehmenskulturen so zu wandeln, dass sie für Frauen attraktiv werden.

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