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Für von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen

Analyse

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Geschlecht ist beim Thema „Gewalt“ eine bestimmende soziale Kategorie. Geschlechtsspezifische Gewalt hat mit Männlichkeiten und Weiblichkeiten zu tun und trifft Frauen und Männer auf unterschiedliche Weise. Gewalt ist dabei keine Konstante zwischen Frauen und Männern, in der Frauen zwangsläufig „Opfer“ und Männer ausschließlich „Täter“ sind. Doch trotz rechtlicher Gleichstellung und vielfacher politischer Verständigung zur Umsetzung von Geschlechtergerechtigkeit sind Geschlechterzuschreibungen weiterhin hierarchisch. Dies bildet sich beim Thema „Gewalt“ deutlich ab: Gewalt in engen sozialen Beziehungen, sexualisierte Gewalt, sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz, Vergewaltigung, Zwangsprostitution und Frauenhandel gehören zum Alltag vieler Frauen und Mädchen – je nach Lebenslagen und Ressourcen unterschiedlich. Die hohe Betroffenheit ist belegt.
Gewalt hat Folgen und kann sowohl für die einzelnen Frauen, aber auch gesellschaftlich hohe, vor allem gesundheitliche Kosten verursachen, z.B. durch Verlust oder Einbuße von Arbeitsfähigkeit oder die medizinische und therapeutische Behandlung von gewaltbetroffenen Frauen.
Gewalt im Geschlechterverhältnis steht der gesellschaftlichen Gleichberechtigung von Männern und Frauen entgegen. Dem auf den unterschiedlichen Ebenen politisch entgegenzuwirken hat deshalb Priorität. Dies wird in Bremen vielfach geteilt. Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist im Land Bremen bei PolitikerInnen, Fachleuten und Öffentlichkeit Thema. Die Landesregierung engagiert sich dafür, geschlechtsspezifische Diskriminierung und Gewalt zu bekämpfen, abzubauen und betroffenen Mädchen und Frauen adäquate Hilfe zukommen zu lassen. Hierbei wird ressortübergreifend zusammengearbeitet. Und hier wurde in den letzten Jahren auch Geld in die Hand genommen – trotz knapper Kassen. Darüber hinaus engagiert sich die Landesregierung, Rahmenbedingungen in Bremen sowie auf Bundesebene frauengerecht zu gestalten. Dazu gehört es auch, Gesetze kritisch in den Blick zu nehmen. Diese Ansätze zum Einsatz gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung und Gewalt gilt es zu sichern und fortzusetzen.

Lebenslagen von Frauen im Blick

Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein Thema, dass Frauen und Mädchen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Bildungsstand oder kulturell geprägtem Hintergrund betrifft. Dennoch erfordern die Lebenslagen von Frauen, die von Gewalt betroffen sind, einen besonderen Blick. Frauen sind unterschiedlich betroffen. Und sie haben unterschiedliche Ressourcen, damit umzugehen. Teile zugewanderter Frauen oder Frauen mit Behinderung oder Beeinträchtigung erleben häufiger Gewalt und haben weniger Möglichkeiten, ihre Rechte einzufordern und sich zu schützen. Sie erleben doppelte Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Beeinträchtigung.

Junge Frauen

Gewalt ist gerade auch für junge Frauen Thema. Sie erleben Übergriffe und Gewalt vielfach von Männern, mit denen sie eine Beziehung haben oder hatten, mit denen sie zusammenarbeiten, die sie kennen, kennen lernen wollten oder kennen gelernt haben. In der aktuellen Bewegung zwischen Dramatisierung und Banalisierung der Bedeutung von Geschlecht, zwischen Auflösung und Rekonstruierung von Geschlechterstereotypen leben junge Frauen ihre Gleichheitsansprüche. Sie tun dies im Rahmen der geltenden Verteilung von Bedeutung und Macht, in Anerkenntnis der noch gültigen (patriarchalen) Regeln und gesellschaftlichen und kulturellen Vereinbarungen. Dazu gehört auch die Anforderung, dass sich emanzipierte Frauen – individuell – ihren Platz erkämpfen und bei Gewalt und Übergriffen wehren können sollten. Gelingt dies nicht wie erwartet bzw. kann dies nicht gelingen, müssen betroffene Mädchen und Frauen über die erlebte Gewalt hinaus dies mit ihrem – gesellschaftlich verortetem – Selbstbild als „emanzipierte Frau/taffes Mädchen“ in Einklang bringen. Dies ist eine besondere Herausforderung und kann auch zu Verharmlosung, Leugnung oder Umdeutung des Geschehenen führen.

Fakten

Gewalt gegen Frauen: eine EU-weite Erhebung. Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, 2014
Studie: Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BFSFJ), 2009
Zahlen: Häusliche Gewalt, BMFSFJ 2017
Rechtsgrundlage: Istanbul-Konvention - Gesetz zum Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, BMFSFJ 2018

Lösungsansätze

Frauengerechtes Hilfe- und Unterstützungssystem sichern

Frauen und Mädchen brauchen ein breites Spektrum an Unterstützungs- und Hilfsangeboten. Diese müssen leicht zu finden, niedrigschwellig, kostenfrei und auch anonym nutzbar sein. Sie müssen sich an den Belangen und unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Frauen ausrichten und eine entsprechend Fachlichkeit ausweisen.
Einrichtungen für von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen verfügen über hohe Kompetenz und jahrzehntelange institutionelle Erfahrung im Themenfeld geschlechtsspezifische Diskriminierung und Gewalt. Diese Arbeit muss gewürdigt und so langfristig wie möglich gesichert werden. Einsparungen müssen eine Grenze haben, wenn dies zur Folge hat, dass den Bedarfen von gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen nicht (mehr) begegnet werden kann.
Neben der Absicherung von Facheinrichtungen ist es wichtig, dass sich direkte Ansprechpartnerinnen in den Stadtteilen dazu in der Lage sehen, von Gewalt betroffenen Frauen und Mädchen als erste Anlaufstelle zu dienen. Dabei müssen sie unterstützt werden.
Für die Arbeit von Erstanlaufstellen in den Städten und Stadtteilen sind förderliche Rahmenbedingungen zu sichern: Fortbildungen, Zeit, Vernetzung mit anderen im Feld Tätigen sowie die Möglichkeit, auch auf für Gewalt spezialisierte Mitarbeiterinnen von Facheinrichtungen zu geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Gewalt zurückgreifen zu können. Insbesondere die Anforderung, sich immer wieder auf neue Gewaltformen wie z.B. Cybergewalt oder die spezifischen Bedarfe von z.B. Frauen mit Behinderung oder Migrantinnen konzeptionell und konkret einzustellen, braucht neben einer fachlichen Offenheit auch verfügbare zeitliche Ressourcen. Das Zugehen auf von Gewalt in Familien mitbetroffenen Kindern, finanzierte Angebote von Täterarbeit, aber auch niedrigschwellige Beratungsformen wie Online-Beratung, offene Angebote oder Beratung in einfacher Sprache sollten finanziell unterstützt werden.

Frauenhausfinanzierung ändern

Alle von Gewalt betroffenen Frauen müssen Schutz finden – unabhängig von ihrem Status und ihrem Einkommen. Die in Bremen umgesetzte Tagessatzfinanzierung von Frauenhäusern orientiert sich an individuellen Unterstützungsleistungen bei entsprechender Bedürftigkeit. Darüber hinaus ergeben sich nicht finanzierte Aufenthalte in den Frauenhäuser für Frauen ohne Kostenübernahmen. Wenn Frauen ein ausreichendes eigenes Einkommen haben, müssen sie ihren Aufenthalt selbst finanzieren. Dadurch fallen manche Frauen, die Hilfe benötigen, durch alle Raster. Im Haushalt 2014/2015 wurden zwar erstmalig Mittel in Höhe von insgesamt 20.000 Euro pro Jahr für die Erstattung von nicht finanzierten Aufenthalten bereitgestellt. Diese Lösung kann aber nur Lücken stopfen. Notwendig und bedarfsgerecht ist jedoch langfristig die Umstellung der Finanzierung auf eine institutionelle Förderung. Auf der Basis der veränderten bundesweiten Diskussion um die Finanzierung der Frauenhausaufenthalte sollte eine Einigung mit den Kommunen im Umland über eine Kostenübernahme angestrebt werden. Darüber hinaus entfallen auf diese Weise für betroffene Frauen wie auch Frauenhausmitarbeiterinnen viele Stunden bürokratischer Arbeit, die sie besser nutzen können.

Gewaltschutz umsetzen – Rechte haben und Recht bekommen

Mädchen und Frauen, die Gewalt erleben, müssen in der konkreten Situation geschützt werden. Hier erfüllen vor allem die Polizei und erste Anlaufstellen wichtige Aufgaben. Es muss sichergestellt sein, dass Gewalt als Straftat angemessen verfolgt wird und Konsequenzen für Täter hat. Dazu braucht es professionelle Unterstützung für betroffene Frauen, aber auch strukturelle Rahmenbedingungen bei der Polizei und den Gerichten, die es möglich machen, geschlechtsspezifische Gewalt situationsadäquat zu bearbeiten. Um Gewaltschutz konsequenter verfolgen zu können und Strafverfolgung zu verbessern, müssen Gerichte angemessen strukturiert und ausstattet sein. In einem ersten Schritt müsste mit einer Analyse der aktuellen Strukturen und Verfahrensweisen bei der Polizei und bei den Gerichten – wie sie zur Zeit vom Senator für Inneres für die Strafverfolgung von Vergewaltigung und sexueller Nötigung umgesetzt wird – eine Grundlage gelegt werden.

Lebenslagen zugewanderter Frauen berücksichtigen

Frauen mit wenig oder keinen Deutschkenntnissen, die durch ihre Migration belastet oder besonders herausgefordert sind, wenden sich eher selten an die bestehenden Beratungs- und Hilfeeinrichtungen. Dies hat vielfältige Gründe. Das kann eine Beheimatung in von hierarchischen Geschlechterrollen geprägten sozialen Zusammenhängen sein, Flucht vor Krieg oder Verfolgung, mangelnde Kenntnis der deutschen Sprache (insbesondere von Behördensprache) oder aber der Verlust von persönlichen Ressourcen, die für die Bewältigung von schwierigen Lebenssituationen, wie Gewalterlebnisse es sind, nötig sind. Hinzu kommen für manche Frauen besondere Abhängigkeitsverhältnisse von ihrer Familie/ihrem sozialen Umfeld. Dies betrifft zum Beispiel Frauen, die kaum Deutsch sprechen, eine geringe Schul- bzw. Berufsbildung haben, finanziell abhängig sind bzw. sehr knappe Ressourcen haben, sehr viele Kinder zu versorgen haben und Frauen, bei denen eine Trennung vom gewalttätigen Ehemann mit dem Verlust des gesamten sozialen Umfelds einhergehen kann. Um diese Frauen angemessener erreichen, ansprechen und unterstützen zu können, ist auch in Bremen noch viel zu tun. Die Finanzierung von für den Gewaltbereich geschulten Dolmetscherinnen ist dafür unabdingbar.

Frauen und Mädchen mit Beeinträchtigung und Behinderung

2012 hat die Bundesregierung eine repräsentative Studie zu Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit Beeinträchtigung und Behinderung veröffentlicht. Die Ergebnisse sind erschütternd – Frauen mit Beeinträchtigung/Behinderung sind in sehr hohem Maße von Gewalt betroffen. Dazu kommt, dass viele Einrichtungen im Gewaltbereich nicht barrierefrei erreichbar sind. Es mangelt zudem an Kapazitäten, sich konzeptionell mit der Thematik zu befassen und Angebote für betroffene Frauen und Mädchen zu entwickeln. Diese Aufgaben sind im Bremer Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenkonvention für die nächsten Jahre beschrieben. Für die Umsetzung müssen konkrete Maßnahmen mit entsprechenden Ressourcen hinterlegt werden. Die Verankerung von Frauenbeauftragten in Werkstätten und Wohneinrichtungen muss durch gute Rahmenbedingungen breit unterstützt werden.

Frauenhandel und Zwangsprostitution

Frauenhandel ist eine extreme Form von Gewalt gegen Frauen: Frauen werden unter Täuschung, Drohungen oder Gewaltanwendung angeworben oder zur Prostitution gezwungen. Die Grenzen zwischen Zwang und teilweise extrem ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen der hier „freiwillig“ tätigen Frauen sind fließend. Alle hiervon betroffenen Frauen wenden sich auch an Beratungseinrichtungen. Eine Ausstiegsberatung, die Gewalterfahrungen und Ausbeutung nicht einzelnen Frauen zuschreibt, sondern strukturelle Gewalt mitdenkt, ist ebenso nötig wie eine umfassende Aufklärungsarbeit.
Die Arbeit der Fachberatungseinrichtung (Beratungs- und Betreuungsstelle für Betroffene von Frauenhandel und Zwangsprostitution BBMeZ) in Bremen wurde mit dem Haushalt 2014/2015 auf finanziell sicherere Füße gestellt. Eine hinreichende Finanzierung der Beratungsstelle ist weiterhin wichtig. Darüber hinaus ist eine qualifizierte Absicherung des Aufenthaltsstatus der von Menschenhandel Betroffenen und ihrer Familien unabhängig von der Verwertung oder Verwertbarkeit ihrer Aussagen im Ermittlungs- und Strafverfahren und ihrer Aussagebereitschaft erforderlich. In den Fällen, in denen die Rückkehr der Opfer von Menschenhandel in ihr Heimatland wegen in Deutschland begangener Straftaten eine besondere Härte darstellt, bedarf es eines von der Mitwirkung im Strafverfahren unabhängigen, nicht durch dessen Dauer beschränkten Aufenthaltstitels.

Mehr Öffentlichkeit herstellen

Um deutlich zu machen, dass geschlechtsspezifische Gewalt alle angeht, ist es notwendig, sie permanent ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Mädchen und Frauen müssen ermutigt werden, sich Information, Unterstützung und Hilfe zu holen. Dazu ist es wichtig, diese Gewalt in allen Formen öffentlich zum Thema zu machen und in verständlicher Form auf Unterstützungsmöglichkeiten hinzuweisen. Eine breite Öffentlichkeitsarbeit soll Menschen, die betroffenen Frauen und Mädchen nahestehen, die nötigen Informationen übermitteln und sie im Umgang mit Gewalterlebnissen unterstützen: durch grundlegende Informationen und die Sicherheit, dass es bei Bedarf auch professionelle Hilfen gibt.

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