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Für die Gesundheit sozial benachteiligter Frauen

Analyse

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Die Frauengesundheitsbewegung hat einen Perspektivwechsel im Gesundheitswesen und in der (Alltags-)Medizin befördert. Sie hat bewiesen, dass die Einbeziehung des Wissens von Frauen in ihrer Rolle als Patientin, als Gesundheitsexpertin, als pflegende Angehörige und als jene, die häufig für die familiäre Gesunderhaltung zuständig ist, zu einer Steigerung der Versorgungsqualität im Gesundheitswesen beiträgt. Die Berücksichtigung der individuellen und gesellschaftlichen Lebensrealitäten – von Frauen und Männern – ist dadurch zum Maßstab geworden.
Trotzdem ist bei weitem nicht sichergestellt, dass jede Frau Zugang zu der für sie besten gesundheitlichen Versorgung hat. Das kommunale öffentliche Gesundheitswesen hat die Aufgabe, in Zusammenarbeit mit anderen Verantwortlichen Zugangsbarrieren herauszufinden und abzubauen und Gender Mainstreaming als übergeordnetes Instrument im Bremer Gesundheitswesen umzusetzen. Es gilt, eine geschlechter- und kultursensible Gesundheitsberichterstattung fest zu etablieren, auch um den spezifischen Bedarfen von Frauen und Mädchen Rechnung zu tragen.

Studien zum Thema

Lebenslagen im Land Bremen - Der 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Freien Hansestadt Bremen 2014
http://www.soziales.bremen.de/sixcms/detail.php?gsid=bremen69.c.43933.de

Soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung: Studie des Robert Koch-Instituts 2014
http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsK/2014_2_soziale_unterschiede.html?nn=4747854

Lösungsansätze

Frauengesundheitseinrichtungen absichern und verstetigen

Gesundheitsförderung für Frauen muss sich an deren Lebenswelten und Lebensphasen orientieren. Daher sollten Modelle entwickelt und umgesetzt werden, mit denen vor allem jene Frauen erreicht werden, die den geringsten Zugang zu Ressourcen haben: armutsgefährdete und von Armut Betroffene, Frauen mit niedriger Bildung, Alleinerziehende, Erwerbslose, alte Frauen, zugewanderte Frauen und Flüchtlinge. Diese zählen zu den benachteiligten Gruppen, die einem höheren Risiko von Medikalisierung, unnötigen medizinischen Eingriffen bei gleichzeitigem Mangel an ausgewogenen und verständlichen Informationen ausgesetzt sind. Angebote vor Ort, die immer auch die schon vorhandenen Ressourcen und Gesundheitskompetenzen berücksichtigen, tragen dazu bei, das Selbsthilfepotenzial der Frauen zu unterstützen. In Bremen arbeiten zwei mehrfach ausgezeichnete Stadtteileinrichtungen mit hoher fachlicher und gendergerechter Ergebnis-Qualität auf niedrigstem finanziellem Level. Die Landesregierung ist gefordert, diese als Modelle guter Praxis dauerhaft abzusichern und weitere Träger darin zu unterstützen, in anderen sozial benachteiligten Stadtteilen ähnliche Angebote aufzubauen und vorzuhalten.

Psychosoziale und gesundheitliche Beratung und Versorgung von Migrantinnen und Flüchtlingen verbessern und absichern

Unstrittig ist, dass zugewanderte Frauen mit niedrigem Sozial- und Bildungsstatus einen schlechteren Zugang zu Informationen, Versorgungsangeboten und -einrichtungen haben, was durch Sprach- und Verständigungsprobleme und eine ungenügende interkulturelle Öffnung des deutschen Gesundheitssystems noch verschärft wird. Auch im Koalitionsvertrag 2011 wurde dies festgestellt und sowohl eine kultursensible Gesundheitsberichterstattung als auch die Anpassung der Leistungsstatistiken von Institutionen des Gesundheitswesens mit einheitlichen Kriterien zur Erfassung des jeweiligen Migrationshintergrunds der Menschen angekündigt. Vorgesehen war auch die Entwicklung eines Konzepts zur stärkeren Verbreitung und strukturellen Verankerung von Dolmetschdiensten und eine gezielte Gesundheitsbildung von Migrantinnen und Migranten. In den Beratungsstellen und Netzwerken im Bereich Migration und Gesundheit wird dies als nicht ausreichend umgesetzt angesehen. Vor allem das Fehlen einer finanziellen Absicherung von Dolmetschdiensten wird als besonders dramatisch eingeschätzt. Eine besondere Unterstützung brauchen etwa schwangere Flüchtlingsfrauen ohne Deutschkenntnisse. Die künftige Landesregierung sollte sich für muttersprachliche Beratungen zur rechtlichen und medizinischen Situation bei einem Wunsch nach einem Schwangerschaftsabbruch wie auch für die Aufklärung über den Krankenhausaufenthalt zur Geburt und über die externe Unterbringung von jüngeren Kindern einsetzen. Gleiches gilt für bedarfsgerechte Geburtsvorbereitungskurse und Nachbetreuung durch Hebammen wie auch angemessene Räumlichkeiten für Mütter und Kinder in den Wohnbereichen.

Das Präventionsgesetz gendersensibel ausgestalten

Im Rahmen des geplanten Präventionsgesetzes sollen die Länder und Kommunen in einer ‚nationalen Präventionskonferenz‘ in die Strategieentwicklung eingebunden werden. Die Landesregierung ist aufgefordert, sich nachdrücklich für die Einhaltung des Bundesgremienbesetzungsgesetzes (bei der Besetzung neuer Gremien) und für die Beachtung der Strategie des Gender Mainstreaming (bei der inhaltlichen Ausgestaltung und Umsetzung des Gesetzes) einzusetzen.

Gesundheitsversorgung für Frauen und Mädchen mit Behinderungen verbessern

Um die vielfältigen Barrieren, die es für Frauen und Mädchen mit Behinderungen auch im Gesundheitssystem gibt, abzubauen, wurde eine barrierefreie gynäkologische Praxis an einer städtischen Bremer Klinik eingerichtet, die neben der gynäkologischen Grundversorgung auch Angebote zu Früherkennung und Prävention von Erkrankungen vorhält. Neben diesem ersten erfolgreichen Schritt muss in allen Versorgungs- und Beratungseinrichtungen das Bewusstsein über das Recht behinderter Frauen und Mädchen auf eine angemessene medizinische Versorgung und auf sexuelle Selbstbestimmung weiterhin verstärkt werden. Die Landesregierung wird gebeten, sich für die Verstetigung der barrierefreien gynäkologischen Praxis einzusetzen, auch in den neuen Räumen des Klinikums Bremen-Mitte. Ebenso sollte sie im Rahmen der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention alle Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitsdienstes zu einer qualitativ guten und angemessenen Versorgung behinderter Mädchen und Frauen verpflichten.

Angebote zu Mädchen und Frauen mit Essstörungen endlich sichern und optimieren

Seit Jahren warnen Expertinnen und Experten, dass auch in Bremen viele Essgestörte zu spät diagnostiziert werden und damit das Risiko, erst in chronifiziertem bis lebensbedrohlichem Zustand medizinische und psychotherapeutische Hilfe zu erhalten, erheblich steigt. Einigkeit besteht darüber, dass die oft langwierigen und kostenintensiven Behandlungen reduziert werden könnten, wenn es ausreichende zielgruppenspezifische niedrigschwellige Angebote gäbe und die Präventionsarbeit in Schulen und Jugendeinrichtungen verstärkt würde.
Obwohl dies in den zurückliegenden Jahren regelmäßig auch von Seiten der Landesregierung festgestellt wurde und im Koalitionsvertrag 2011 ein „zielgruppenspezifisches niedrigschwelliges Angebot“ festgelegt und Lösungen angekündigt wurden, hat sich die Situation nicht verbessert. Die künftige Landesregierung sollte die niedrigschwellige, gesundheitliche Versorgung von essgestörten Mädchen und jungen Frauen durch eine Beratungs- oder Clearingstelle gewährleisten. In anderen Städten ist diese meist der erste Anlaufpunkt und hat eine wichtige Funktion für die Sensibilisierung und das Erkennen psychischer Störungen sowie die Weitervermittlung in passende Versorgungsangebote des Gesundheitswesens. Die derzeitigen Kapazitäten in Einrichtungen wie dem Landesinstitut für Schule (LIS) oder dem Mädchenhaus können den Bedarf bei weitem nicht decken. Darüber hinaus sollten die Vernetzungsstrukturen zwischen verschiedenen Hilfsangeboten, die für die Behandlung Essgestörter notwendig sind, ausgebaut und verstetigt werden. Das Gesundheitsressort sollte in Kooperation mit Gremien der Selbstverwaltung und ExpertenInnen der ambulanten und stationären Versorgung weitere differenzierte Überlegungen zu Versorgungsmängeln erörtern und Lösungswege erarbeiten.

Versorgungslücke bei der Familienplanung für sozial benachteiligte Frauen schließen

Frauen sind von Armut und deren Folgen besonders betroffen. Dringender Handlungsbedarf besteht darin, für Leistungsbeziehende nach SGB II, SGB XII und Asylbewerberleistungsgesetz sowie für Geringverdienende kostenlose Verhütungsmittel zur Verfügung zu stellen, wie es vor Einführung des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes 2004 möglich war. Neben der Vermeidung von Schwangerschaftsabbrüchen muss das Recht aller Frauen auf eine selbstbestimmte Familienplanung gewährleistet sein. Die Stadtgemeinde Bremen erstattet die Kosten für ärztlich verordnete Verhütungsmittel inzwischen aus kommunalen Finanzmitteln für eine ausgewählte Gruppe von Frauen (Drogensubstituierte, Wohnungslose und seit 2015 auch Frauen mit psychischen, Sucht- und Drogenerkrankungen sowie Frauen mit geistiger, körperlicher oder mehrfacher Behinderung). Dies ist ein erster Schritt, erreicht aber eine große Gruppe von Frauen nach wie vor nicht. Die Forderung nach einem Recht auf Zugang und freie Wahl der Verhütungsmittel für alle sozial benachteiligten Frauen und Paare bleibt bestehen. Die Landesregierung wird daher aufgefordert, sich weiterhin für eine bundesweite gesetzliche Regelung zur Finanzierung der Kosten für ärztlich verordnete Verhütungsmittel oder Sterilisation einzusetzen und die derzeitige Beschränkung der Zielgruppen in der Bremer Lösung zu überdenken.

Frauengerechte psychiatrische Versorgung weiter entwickeln

Psychisch erkrankte Frauen brauchen auf sie zugeschnittene Behandlungskonzepte in allen Sektoren des Gesundheitswesens. Die Landesregierung hat zu überprüfen, ob die bereits erstellten Leitlinien für eine geschlechtergerechte psychiatrische Versorgung in allen Einrichtungen und Institutionen, in denen psychisch kranke Frauen versorgt werden, umgesetzt und evaluiert werden. Die Leitlinien sollen und können der gesamten (sozial-)psychiatrischen Versorgung und deren Einrichtungen im Land Bremen eine Orientierung für die geschlechtersensible Behandlung, Rehabilitation und Integration psychisch erkrankter Menschen geben.

Versorgung von Frauen mit Suchterkrankungen verbessern

Waren früher Drogenabhängige überwiegend Männer, so sind heute ein Drittel aller Abhängigen von illegalen Drogen und Alkohol weiblich. Es gibt große Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Art der Sucht, im Suchtverlauf, den Ursachen, den Lebensverhältnissen und -erfahrungen. Eine geschlechtergerechte Sucht- und Drogenhilfe erreicht betroffene Frauen und Mädchen eher, verbessert die Qualität der Arbeit und der Ergebnisse und sollte daher ein selbstverständlicher Bestandteil aller Angebote sein. Erkrankte Frauen sollten auch vor Beziehungsgewalt geschützt werden und eine frauenspezifische psychosoziale Betreuung nutzen können. Die niedrigschwellige Versorgung von weiblichen Suchterkrankten kann am besten von Frauen für Frauen geleistet werden. Die Landesregierung wird gebeten, sich verstärkt für die Entwicklung und Umsetzung von Richtlinien einzusetzen, die frauenspezifische Aspekte berücksichtigen. Im Bundesland fehlen Psycho-/Traumatherapeutinnen, ausreichende Schutzräume für suchtkranke Frauen und ein frauenspezifisches betreutes Wohnangebot bzw. Notunterbringungen.

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