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„Streit um ‚oben ohne‘ für alle“? Von wegen!

Klare Haltung, keine Forderung: Eine Klarstellung zum Weser-Kurier-Bericht vom 21. Mai 2022

In seiner Samstagsausgabe titelt der Weser-Kurier im Lokalteil: „Streit um ‚oben ohne‘ für alle. Frauenbeauftragte fordert Gleichbehandlung beim Schwimmen – Bremer Bäder zurückhaltend“. Hierzu erklärt Landesfrauenbeauftragte Bettina Wilhelm: „Es gibt in dieser Frage keinen Streit. Und ich fordere hier auch nichts. Befragt nach meiner Haltung, finde ich Gleichbehandlung angemessen. Das ist keine Forderung, sondern eine Meinung – ein kleiner, aber feiner Unterschied, den der Weser-Kurier an dieser Stelle nicht macht.“

ZGF-Statement im Wortlaut

Anlass waren die Vorgänge in Grenoble, wo Baden ‚oben ohne‘ ebenso wie in Burkini künftig erlaubt ist. Auf Anfrage der Lokalzeitung, ob es nicht auch in Bremer Bädern richtig wäre, es Frauen freizustellen, ob sie ihre Brüste bedecken, hat die Landesfrauenbeauftragte folgendes geantwortet:

„Eine Regelung, die verlangt, bestimmte Oberkörper in der Öffentlichkeit zu bedecken, andere jedoch nicht, ist sexistisch. Solche Regeln entsprechen einer veralteten Moralvorstellung, die weibliche Brüste sexualisiert und weibliche Körper in der Öffentlichkeit kontrolliert. Das ist diskriminierend und nicht mehr zeitgemäß. Zudem haben Transpersonen oder nicht-binäre Menschen in dieser Sichtweise keinen Platz und können sich deshalb nur „falsch“ verhalten. An Badeseen und am Meer gilt hierzulande doch auch: oben ohne, wer möchte – und in den städtischen Saunen von Bremen und Bremerhaven ist Bekleidung sogar verboten. Deshalb wäre es gut und richtig, wenn öffentliche Badeanstalten hier aufschließen.“

Zuspitzung, die der Realität nicht entspricht

Dieses Statement als Forderung zu verstehen, ist möglich. Hieraus und aus davon abweichenden Meinungen einen „Streit“ zu konstruieren, der aus einer „Forderung“ erwächst, ist aber eine Zuspitzung, die der Realität nicht entspricht. Der so genannte Streit findet nur medial statt. Es gab und gibt in dieser Frage keinen Austausch der Landesfrauenbeauftragten oder ihrer Behörde ZGF mit Bremer Politiker*innen oder den Bremer Bädern, denn es gibt derzeit dazu keinen Anlass: Die Geschäftsführerin der Bremer Bäder wird in der Zeitung so zitiert, dass die derzeitige Regelung „wunderbar funktioniert“. Aus Sicht der ZGF gibt es keinen Grund daran zu zweifeln. Vielleicht gibt es in der Folge einen Meinungsaustausch der hier Zitierten – aber ganz sicher keinen Streit.

Stehen wir nicht zu unserer Haltung? Oh doch!

Warum ist uns dieser Unterschied so wichtig? Stehen wir etwa im Nachhinein nicht mehr zu unserer Haltung? Oh doch. Aber eine Meinungsäußerung in dieser Frage zur Forderung zuzuspitzen und daraus einen Konflikt zu konstruieren, ist aus unserer Sicht unsauber und folgt einem Muster, das Gleichstellungsarbeit als pillepalle diskreditiert, frei nach dem Motto: Haben die sonst keine Probleme.

Doch, haben wir. Und dies sind unsere echten Forderungen: Mehr Geld für Sorgearbeit! Mehr Unterstützung für Alleinerziehende! Mehr Flexibilität bei der Kinderbetreuung! Gleiches Entgelt für gleichwertige Tätigkeiten, endlich weg mit der massiven Entgeltlücke bei der Bezahlung von Männern und Frauen! Weg mit § 219a und dann mit §218! Umsetzung des Landesaktionsplans gegen Gewalt gegen Frauen und Kinder! Die Aufzählung könnte noch weitergehen.

Bekanntes Muster: Gleichstellungsarbeit wird lächerlich gemacht

Damit landen wir selten in den Schlagzeilen. Denn hier geht es meist um tiefgreifende und deshalb langwierig zu verändernde Strukturen, deren Newswert gleich null ist: Die Missstände sind bekannt, viele Akteur*innen arbeiten dran und gehen kleine Schritte. Streit in diesen Fragen ist oft Detailsache und gibt wenig headline her. „Oben ohne“ aber ist ein Hingucker im Wortsinn, und wo kein Streit ist, wird er aus der einordnenden und klaren Haltung der Landesfrauenbeauftragten konstruiert, Subtext: Die ZGF zieht blank, und weil sich kaum eine dazu gesellt, steht sie nun nackig da. Haha, was für ein Spaß. Auf unsere Kosten, das ist okay, aber eben auch auf Kosten einer Arbeit, die ungerechte Strukturen verändern möchte hin zu einer gerechten Gesellschaft für alle Geschlechter. So wird Gleichstellungsarbeit lächerlich gemacht. Und das ist inzwischen im öffentlichen Diskurs ein bekanntes antifeministisches Muster.

Oben ohne für alle? Da gäbe es noch viele Fragen

Und wenn wir uns zum Schluss mal wirklich der Frage zuwenden: Oben ohne für alle? Dann müssten wir eintreten in eine fachlich geführte Auseinandersetzung, die die Folgen einer solchen Regelung für alle abwägt. Kann es sein, dass sich dann Frauen genötigt fühlen könnten, ohne Oberteil zu baden? Dass sie sich dann zurückziehen? Eine von dann sicher vielen Fragen, über die wir sprechen müssten. Machen wir gerne, wenn gewünscht. Bis dahin gilt: Solange sich alle wohlfühlen mit den derzeit geltenden Regeln, müssen wir nicht tätig werden. Und haben gleichwohl eine Meinung, siehe oben.