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Der Schlüssel heißt Empowerment und Teilhabe

Fachtag zu Genitalverstümmelung: Die Organisatorinnen im Gespräch

Auf dem Bild ist zu lesen: Gewalt gegen Frauen. Foto: ZGF

Bremen. In Deutschland leben rund 48.000 Mädchen und Frauen, die Opfer von weiblicher Genitalverstümmelung wurden, nach Schätzungen sind bis zu 5.700 Mädchen akut bedroht. Die weibliche Genitalverstümmelung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und verursacht massive körperliche Qualen und seelisches Leid. Die Zuwanderung von Frauen und Mädchen aus Ländern, in denen die weibliche Genitalverstümmelung besonders verbreitet ist, ist in Deutschland von Ende 2014 bis Mitte 2016 um 40 Prozent gestiegen, die Zahl der Betroffenen hat sich um 30 % erhöht. Die Herkunftsländer, aus denen die meisten der in Deutschland betroffenen Frauen und Mädchen stammen, sind Eritrea, Irak, Somalia, Ägypten und Äthiopien.

Auch in der ZGF und bei pro familia mehren sich Berichte und Unterstützungsanfragen aus Schulen, Wohnheimen und medizinischen Einrichtungen mit dramatischen Schilderungen, die auf hohe Dunkelziffern hindeuten. Pro familia Bremen ist Standort eines Bundesmodellprojekts: „Fachdialognetz für geflüchtete schwangere Frauen". Über die geflüchteten Frauen werden Kenntnisse über die medizinischen Aspekte der Genitalverstümmelung auch in der Geburtshilfe relevant. Anlass für beide Einrichtungen, einen Fachtag zu veranstalten, der am 15.11. stattgefunden hat: mit Fachvorträgen von Gwladys Awo, Projektkoordinatorin CHANGE Plus bei Plan International, und Mathias von Rotenhan, Gynäkologe und Vorstand des Landesverbands pro familia, sowie mehr als 80 Fachfrauen und zwei Fachmännern aus Behörden, Kliniken, Verbänden, NGOs, gynäkologischen und psychotherapeutischen Praxen.

Ein Gespräch mit Angelika Zollmann, Gesundheitsreferentin bei der ZGF, und Monika Börding, Landesgeschäftsführerin von pro familia, über Lerneffekte und Folgen.

In einem Satz: Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus diesem Fachtag?

Angelika Zollmann: Ein Satz reicht nicht – aber wenn ich es auf eine Botschaft reduziere, die nach außen dringen soll, dann diese: Genitalverstümmelung ist ein weltweites, übrigens auch ein ehemals europäisches Problem. Genitalverstümmelung wird in unserer Wahrnehmung immer mit Afrika und dem Islam assoziiert, und dann folgt: unterentwickelt, hilfsbedürftig. Diese eurozentristische Sichtweise – wir zivilisiert, ihr noch lange nicht – bewirkt dann einen Angang an das Problem, der die Zielgruppe nicht erreicht. Und sie befördert eine politische Stimmung, die wir derzeit allerorten spüren. Das wusste ich zwar schon, habe es aber an diesem Tag noch einmal so richtig verstanden.

Genitalverstümmelung auch in Deutschland?

Zollmann: Ja, tatsächlich. Mathias von Rotenhan hat noch einmal darauf hingewiesen: die Genitalverstümmelung hat nicht zwingend etwas mit Religion zu tun. Im 19. Jahrhundert und sogar noch bis in die 1960er Jahre galt die Beschneidung der Klitoris als eine Methode in Europa und Nordamerika, Frauen von ihrer „Hysterie“ zu befreien – entlang der patriarchalen Sicht, dass Frauen gefährliche Wesen seien, deren Sexualität explodieren könne und deshalb präventiv zu kappen sei. Viele Frauen fielen dem zum Opfer.

Wie ist die Situation heute?

Monika Börding: Wir wissen, dass durch Flucht und Zuwanderung mehr genitalverstümmelte Frauen in Bremen leben, ihretwegen haben wir diesen Fachtag ja veranstaltet. Der Zugang zu ihnen aber ist sehr schwer. Eine Genitalverstümmelung hat viele physische und psychische Folgen. Wir möchten Gynäkologinnen und Gynäkologen, Hebammen oder auch KinderärztInnen informieren und qualifizieren, in ihrer Praxis souverän mit den betroffenen Frauen umzugehen. Oft sind sie entsetzt und dieses Entsetzen bewirkt, dass die Frau sich zurückzieht und in ihrer Community den Gang zum Arzt oder zur Ärztin auch nicht empfiehlt. Dabei brauchen betroffene Frauen in vielen Fällen medizinische Hilfe. Nötig sind also unbedingt mehr Schulungen für medizinisches Fachpersonal für einen angemessenen Umgang mit Genitalverstümmelung. So wird z.B. bei betroffenen Frauen schnell ein Kaiserschnitt gemacht, auch wenn es vielleicht trotzdem die Möglichkeit einer natürlichen Geburt gäbe.

Zollmann: Es gibt in Bremen schon eine Reihe von Frauenärztinnen und –ärzten, die genitalverstümmelte Frauen behandeln. Der Landesverband der FrauenärztInnen hat vor längerem eine Liste erstellt, die wir den Facheinrichtungen zugeschickt haben und dies auf Anfrage auch weiterhin tun. Aber wir wünschen uns, dass die Liste länger wird.

Wenn es aber so schwer ist, betroffene Frauen zu erreichen – was nutzt dann eine lange Liste?

Börding: Neben der Qualifizierung des Fachpersonals wollen wir natürlich Zugänge zu den betroffenen Frauen finden. Der Fachtag hat gezeigt, dass unsere üblichen Angänge – Flyer, Vorträge, Beratungsstellen – nur wenig Effekt haben. Die Frauen sind sehr in ihrer jeweiligen Community verankert und es ist sehr wichtig, Multiplikatorinnen aus ihrem Umfeld zu gewinnen, die das Vertrauen der Frauen besitzen. Es läuft auch nicht über Aufklärung – nach dem Motto: ihr seid falsch unterwegs – sondern über Ermächtigung, Empowerment. Natürlich sollen die Frauen wissen, dass Genitalverstümmelung in Deutschland verboten ist. Aber sie müssen die Kraft entwickeln können, sich und vor allem ihre Töchter aus den Strukturen zu befreien, die Frauen im Wortsinn derart massiv beschneiden.

Und wie soll das gehen?

Börding: Ich würde gerne die Referentin Frau Awo zitieren. Sie sagte: „Wenn eine Frau eine Arbeit hat und damit über ein eigenes Einkommen verfügt, dann verhilft ihr das dazu, den Repressalien in ihrer Ehe zu entkommen. Und auch eine andere Perspektive für ihre Töchter zu entwickeln.“ Denn Genitalverstümmelung dient ja dazu, die 'Verheiratbarkeit' einer Frau und damit ihr Überleben in der Gemeinschaft zu sichern. Die Frauen, um die es geht, haben jede Menge Ressourcen und Potenziale. Sie können sie aber innerhalb unserer kulturellen Normen nur schwer entfalten – hier muss Hilfe ansetzen. Das läuft am ehesten über Arbeit, fast egal in welchem Rahmen, über Teilhabe also, in deren Rahmen sie sich als nützlich, fähig und gut erleben kann. Das macht stark.

Zollmann: Denn es geht auch und vor allem um die noch unversehrten Mädchen. Die bereits betroffenen Frauen brauchen möglicherweise medizinische und/oder psychotherapeutische Hilfe. Aber sie brauchen auch Kraft, ihre Töchter vor derselben lebenslangen Tortur zu bewahren. Hier gibt es zwar rechtliche Möglichkeiten wie einen Pass einzuziehen und damit eine Reise ins Herkunftsland zur „Beschneidung“ erstmal zu verhindern und das Kind so zu schützen. Von Mitarbeiterinnen unterschiedlicher Beratungsstellen oder Übergangswohneinrichtungen hören wir, dass sich die Frauen dann aber oft zurückziehen. Sie tatsächlich zu erreichen, muss unser Ziel sein.

Ihr Fazit?

Börding: Wir haben mit diesem Fachtag eine Vielzahl von Fachleuten und MultiplikatorInnen erreicht. Dass wir einen Nerv getroffen haben, hat bereits die hohe Zahl der Anmeldungen gezeigt, die die Plätze überstieg. Es war eine sehr gute Veranstaltung. Die beiden ReferentInnen waren sehr gut, das Publikum so zusammengesetzt, dass wir voneinander lernen konnten – die Mischung hat gestimmt.

Wie geht es jetzt weiter?

Zollmann: Die ZGF lädt Anfang des Jahres zu einem Runden Tisch ein, und hier gezielt Behörden, Beratungsstellen, NGOs, die Verbände von GynäkologInnen, Hebammen und die Kliniken um zu besprechen, was wir in Bremen noch tun können. Dann sehen wir weiter.