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Chefin trotz Hauptschulabschluss und Fünf in Mathe

"Klasse-Frauen: Lernen mal anders" ganz groß in der Oberschule an der Egge

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Erste Fragen an die "Klasse-Frauen" in großer Runde. Foto: Volker Kölling

Vier Schuljahrgänge, 10 Frauen, vier Stunden Gespräche und jede Menge spannende Begegnungen: So verlief die Aktion "Klasse-Frauen: Lernen mal anders" am Internationalen Frauentag in der Oberschule an der Egge in Blumenthal. Alle Schüler und Schülerinnen von der fünften bis zur achten Klasse lernten eine Frau mit ungewöhnlichem Beruf kennen und ließen sich berichten, wie man Direktorin, Geschäftsführerin oder beinahe Astronautin wird.

Insgesamt absolvierte 30 "Klasse-Frauen" Besuche bei 38 Klassen und Kursen im gesamten Stadtgebiet - die Oberschule an der Egge beteiligt sich seit Jahren an der Aktion. Eine Veranstaltung dieser Größe aber war für alle Beteiligten eine Premiere

Was ist wichtiger: Schönheit oder Grips?

Hauptschulabschluss mit einer Fünf in Mathe, und heute Geschäftsführerin: Wie das geht, berichtete Rubina Ordemann, Geschäftsführerin des Fortbildungsinstituts der Zahnärztekammer Bremen, den Kindern der 5. Klasse. Was es mit dem Fortbildungsdingsda auf sich hat, war weniger wichtig, als die Botschaft: "Jede und jeder kann was schaffen!" Von Unabhängigkeit berichtete Ordemann und davon, wie wichtig es ist, eigenes Geld zu verdienen und sein Leben selbst bestimmen zu können. Das machte Eindruck.

"Ihr wisst schon, was wichtiger ist? Schön aussehen oder was in der Birne haben?", hatte zuvor Cornelia Holsten die Kinder gefragt. Als Direktorin der Landesmedienanstalt war sie die erste Frau in dem Job. Und, viel cooler, fanden die Mädchen und Jungen: Sie kennt einige Youtube-Idole persönlich - "Boaah, Sie kennen die!" - oder hat auf der Spielemesse Gamescom die Stars der Szene getroffen. Die Kinder der fünften Klasse an der Egge waren hin und weg, und auf die Frage nach Grips contra Schönheit kam die Antwort vor lauter beeindrucktem Schweigen nicht sofort. Also legte Holsten nach: "Bin ich mit 50 noch YouTube-Star?" Kichern und "Nö" waren die Antwort. "Und kann ich mit 50 noch arbeiten, wenn ich was im Kopf habe?" "Ja", gaben die Mädchen und Jungen zu. Und was es mit den Influencern auf sich hat, die ihre Fans nicht wirklich lieben, auch wenn sie es sagen, das wussten die Kinder: "Die wollen unser Geld!"

"Eure Sprache kann euch niemand wegnehmen!"

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Annabel Oelmann in der Klassenrunde. Foto: Volker Kölling


In einer großen Runde für die Schülerinnen und Schüler der siebten und achten Klassen, moderiert von der Landesfrauenbeauftragten Bettina Wilhelm, kamen dann sechs Frauen mit ungewöhnlichen Berufen zusammen: Dr. Christiane Heinicke, die als Geophysikerin ein Jahr lang abgeschottet von der Außenwelt auf Hawaii das Leben auf dem Mars simulierte. Anna Metz, die sich als Ingenieurin für Luft- und Raumfahrt um den Job der ersten deutschen Astronautin beworben hatte und den Kindern und Jugendlichen bildhaft erklärte, wie sie Sonden und Satelliten konstruiert. Miriam Rudnitzki, die nicht nur als Geschäftsführerin der Firma Aljo Aluminium Bau beeindruckte, sondern mit ihrem von vielen weltweiten Aufbrüchen gezeichneten Lebenslauf. Rubina Ordemann, die Chefin mit der Fünf in Mathe. Annabel Oelmann, Leiterin der Verbraucherzentrale, die von sich selbst sagte: "Ich liebe meinen Job, denn ich hab eine große Klappe, und damit hatte ich immer Probleme - aber hier, da wird genau das gebraucht." Und schließlich die aus Guatemala stammende Familientherapeutin Maria Jose Sanchez de Brand, die erst mit 19 nach Deutschland kam und die Sprache lernte - und in die große Runde fragte: "Wer hat ein Handy?" Fast alle Arme waren oben. "Wer hat eine zweite Sprache?" Sehr viele Hände oben auch hier - und Sanchez de Brand, die sagte: "Das Handy kann ich euch wegnehmen - eure zweite Sprache kann euch niemand wegnehmen!" und so den Jugendlichen den großen Wert ihres Migrationshintergrunds vermittelte.

Starke Frauen, starke Männer

In Einzelgruppen ging es dann weiter: Alle Schülerinnen und Schüler hatten sich vorab entschieden, über welche Frau oder welchen Beruf sie näheres wissen wollten. Was eine starke Frau ist und was ein starker Mann, darüber sprach die Gruppe, die die Chefin der Verbraucherzentrale Annabel Oelmann gewählt hatte: "Wenn meine Mutter was kocht und es schmeckt voll, das ist stark", sagte einer. "Wenn man sich durchsetzen kann, und so", ein anderer. Und dass nicht nur Mädchen benachteiligt sein mögen, sondern Jungs auch: Im Sportunterricht die echten Liegestütze machen. Oder in der Schule bleiben, wenn Mädchen wegen "so Mädchenproblemen" nach Hause dürften.

Bei Luft- und Raumfahrtingenieurin Anna Metz überlegten die Kinder gemeinsam, was es alles braucht, eine Raumfahrtsonde zusammenzubauen - "Solarzellen, Kabel, Kamera", kam von den Kindern. Und Metz erklärte, sie sei die, die für "die Kabel" zuständig ist, für die komplexe Elektronik an Bord nämlich. Warum sie sich für Raumfahrt interessiere, fragt ein Mädchen. Das habe sie schon im Kindergarten getan, antwortete Metz, und ein Urlaub in den USA mit Besuch der Raumfahrtstation Cape Canaveral habe auch dazu beigetragen. Ob sie keine Angst habe, wenn sie zum Mond fliegen würde, fragte ein anderes Kind. "Nein, hätte ich nicht", erklärte Metz, "ein kleines Risiko gibt es, aber ich vertraue auf die Technik."

"Viele wollten alles ganz genau wissen", resümiert später Schulleiter Andreas Kraatz-Röper, "und ganz oft war es mucksmäuschenstill in den Klassen." So viele qualifizierte Frauen, jede mit ihrer eigenen Botschaft - Kraatz-Röper: "Ein tolles Format!"

Weitere Informationen zur Aktion finden Sie hier