„Dominate her“, beherrsche sie – so war der Input der Medienwissenschaftlerin Maya Götz überschrieben, die am 29. Juni 2026 in der ZGF im Rahmen der Reihe „#ERROR – Fehlermeldung bei der Geschlechtergerechtigkeit“ ihre Studienergebnisse zum Einfluss von TikTok auf Jugendliche und junge Männer präsentierte. „Social Media ist das Leitmedium für Jugendliche, es prägt ihr Weltbild und ihre Werte“, so die Münchner Forscherin, 66 Prozent aller jungen Menschen informieren sich hier über Politik und Zeitgeschehen, Durchschnittsgeschwindigkeit: 830 Clips pro Stunde.
Körper, Status, teure Autos
Während die überwiegende Mehrheit mit der Demokratie zufrieden ist, und nahezu die Hälfte für Gleichberechtigung ist, ist ein Viertel der in der Studie befragten männlichen Jugendlichen ganz anders unterwegs. Götz: „Das sind die Jungen, die wir verloren haben“. Klimawandelleugnung, die Überlegenheit von Männern über Frauen oder LGBTQI+-Feindlichkeit zählten zu ihrem Weltbild. „Junge Männer auf der Suche nach Orientierung finden sie in den sozialen Medien: Was bedeutet es, ein respektierter, erfolgreicher, starker Mann zu sein? Körper, Status, teure Autos“, so die Wissenschaftlerin über die Wirkmacht insbesondere von TikTok.
Enttäuschungen aufgreifen, Rachefantasien verkaufen
Über Muskeln und Autos werden Ideologien transportiert: rechtsradikale Influencer, Akteure der Manosphere wie Pickup Artists, Männercoaches, Looksmaxxer, Incels vermitteln eine im Kern identische Botschaft: Es gebe die eine Natur der Frau, dem Mann unterlegen, charakterschwach und zu dominieren. „Die Kommunikationsstrategie dahinter: Enttäuschungen aufgreifen, Rachefantasien verkaufen“, entlarvt Götz das Geschäftsmodell, das sich mit dem der Plattformen – Clickbait durch Emotionen – bestens verbindet. Männlichkeit in dieser Welt besteht aus Dominanz, Abwertung anderer, Aggression und fehlender Selbstreflexion.
Der Gegenversuch: gleiche Bildsprache, andere Botschaft
Doch es geht auch anders: Das von Götz geleitete Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk produzierte Clips mit einer anderen Botschaft, was es bedeutet, ein respektierter, erfolgreicher, starker Mann zu sein. Bildsprache und Ästhetik genau wie die Clips der starken Männer, diesmal aber mit explizit positiven Antworten: Ein starker Mann verteidigt Frauen und ihre Rechte, er vertritt Leistung, Verantwortung („Bro, komm mal klar“), Haltung zu anderen, Persönlichkeit. In einem Versuch veränderte tatsächlich eine messbare Zahl Jugendlicher dadurch ihre Meinung. Maya Götz bilanziert: „Diese Jugendlichen sind nicht wirklich gegen Frauen, sondern sie suchen, was sie sein können. Hier haben wir etwas angeboten, und das hat funktioniert.“
Frauenseiten als best practice für aktive Gegenstrategien
Im anschließenden Panel stellte Renate Strümpel die frauenseiten.bremen.de vor: das queerfeministische Online-Portal, das von einer Freiwilligenredaktion unter Anleitung von Strümpel über Themen aus Politik, Kultur und Gesellschaft berichtet, auf der Webseite, auf social media, aber auch per Podcast. FLINTA von 17 bis 77 erlernen Medienkompetenz, machen Genderthemen in digitalen Räumen sichtbar und liefern wichtige Information und Orientierung. Für ihre Arbeit wurden die Frauenseiten 2024 mit dem Medienkompetenzpreis „Das Ruder“ ausgezeichnet: denn die Autor*innen und Macher*innen der frauenseiten setzen mit ihrer Arbeit im Netz ein Zeichen gegen zunehmenden Frauenhass, liefern wichtige Informationen, stärken einander und tragen dazu bei, schlichten Geschlechterbildern nicht das Feld zu überlassen.
Verantwortung liegt bei den Plattformen
Medienkompetenz als Schlüssel: Cornelia Holsten, Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt, erklärte die Wirkweise von Algorithmen und wie schwer es derzeit ist, die wenigen Unternehmen, die mit den großen Plattformen die Meinungsmacht bei jungen Menschen innehaben, zu regulieren. „Ausgerechnet die, die in de Verantwortung ganz vorne stehen, haben am wenigsten Interesse etwas zu verändern, denn so verdienen sie Geld“, so Holsten. Es gehe nicht darum, Eltern oder Lehrkräften Schuld zuzuweisen für Mediensucht und zunehmend extremistische Haltungen – „die Hauptverantwortung liegt bei den Plattformen“, so Holsten.
Mehr Medienkompetenz jetzt!
Maya Götz zog ein pessimistisches Fazit, was die Stimmung in der Gesellschaft gegenüber Pluralität und Gleichstellung angeht: „Wir waren lange auf einem guten Weg, aber jetzt erleben wir einen dreifachen Rückwärtssalto, den wir uns nicht hätten vorstellen können.“ Was hilft, da waren sich Götz und Holsten einig, sei kein Social-Media-Verbot, stattdessen: Mehr Medienkompetenz so schnell wie möglich. Götz: „Die Materialien dazu, das Wissen ist alles da.“